Home arrow Service arrow Aktuelles arrow Aus dem Leben eines Morgenmuffels
 

Täglich kurz vor 9 Uhr habe ich Angst vor Elisabeth. Weil: Ich mag so früh nicht reden. Blöd ist: Ich treffe Elisabeth fast jeden Morgen beim Warten auf die U-Bahn. Elisabeth kommt mir meist mit strahlendem Lächeln und schwungvollen Schritten entgegen. Das passt zu mir wie Jürgen Klinsmann zum FC Bayern. Kurz vor 9 Uhr bin ich weder strahlend noch schwungvoll. Höchstens latent gewaltbereit. Wobei, selbst das ist mir um diese Uhrzeit zu anstrengend.

Elisabeth dagegen ist freundlich. Und das zeigt sie mit unbedingtem Willen zur Kommunikation. Sie gehört zur "Morgenstund' hat Gold im Mund"-Fraktion. Elisabeth stellt mir Fragen. Viele Fragen. Dabei sollte sie langsam wirklich wissen, dass ich kurz vor 9 Uhr zur "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold"-Fraktion gehöre. Aber die gibt es in ihrer freundlichen Welt wohl nicht.

Daher habe ich Angst vor Elisabeth. Also versuche ich mir beim Warten auf die U-Bahn hochkonzentriert jede Einzelheit des Bodenbelags im U-Bahnhof einzuprägen. Zum einen hoffe ich, dass ein sturer Blick nach unten in der nonverbalen Kommunikation weltweit als Zeichen für gegen null tendierende Gesprächsbereitschaft gewertet wird. Zum anderen glaube ich offensichtlich ernsthaft, dass mich ein sturer Blick nach unten optisch derart verändert, dass mich Elisabeth nicht mehr erkennt.

Täglich kurz vor 23 Uhr schäme ich mich vor Elisabeth. Dann finde ich mein morgendliches Verhalten mies bis misanthropisch. Dabei geben mir alle einschlägigen Checklisten und Psycho-Tests Recht: Ich bin ein klassischer Morgenmuffel.

Und höchstwahrscheinlich kann ich da gar nichts dafür, weil das bei mir genetisch bedingt ist (sagt die Astro-Tante von "Neun Live"). Ich erfülle nahezu alle nötigen Kriterien wie niedrigen Blutdruck, Probleme mit der Schilddrüse, häufiges Einschlafen vor dem Fernseher, übermäßigen Zigaretten-Konsum und so weiter.

Das Ergebnis: Bis 12 Uhr sind bei mir Bewusstseinszustand und Reaktionsfähigkeit kaum messbar. Und danach macht mich das Mittagessen schon wieder so müde. Das Ergebnis ist eine Art Dauer-Jetlag in einem vom Wecker fremdbestimmten Dasein.

Auf femity.net, einem Job- & Karriere-Forum für Frauen, habe ich in einem Text der Autorin Rosa G. Reiner folgenden schönen Satz gelesen: "Wer morgens verknittert ist, hat den ganzen Tag über Zeit, sich zu entfalten." Weiter im Text wird das Loblied gesungen auf Menschen wie mich. Denn bei Rosa G. Reiner gibt es keine Morgenmuffel. Hier ist von Nachtmenschen und Spätaufstehern die Rede. Und jetzt kommt's: "Nachtaktiven Menschen wird tatsächlich nachgesagt, im Allgemeinen weit kreativer zu sein als Frühaufsteher." Ich mag Rosa G. Reiner sehr.

Es ist an der Zeit Elisabeth zu sagen, dass ich nur kurz vor 9 Uhr Angst vor ihr habe. Später. Denn für einen kreativen Einfall ist "kurz vor 9 Uhr" einfach noch nicht lange genug her.   

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