Home arrow Service arrow Aktuelles arrow redkrebs schreibt Geschichte arrow Bungee oder doch lieber noch ein Ripperl?
 

Wenn einer eine Reise tut, dann muss er was erzählen. Ich persönlich bezeichne diese althergebrachte Aufforderung mir unbekannten Ursprungs als "Nötigung achten Grades", die geruhsamen Menschen meiner Sorte die Tage versaut.

Und zwar jetzt in der Urlaubszeit, wenn alle Münchner und Nicht-Münchner, die etwas auf sich halten, natürlich "weil-es-im-Sommer-doch-hier-so-schön-ist" nicht in den Urlaub fahren — im Laufe der Grillabende aber, zu denen sie sich selbst einladen werden, von ihren Reisen im Frühjahr und ihren Plänen im Herbst inklusive aller "da-muss-man-hin"-Geheimtipps erzählen.

Früher war nicht nur alles viel besser, sondern auch einfacher. Mit zwei Wochen Muscheln sammeln in Cattolica war man der Held in der Schule, das spätere Bergwandern mit der ersten Freundin brachte den Ruf eines Abenteurers ein. Und wer einen Onkel in Amerika hatte und den sogar besuchte, der brauchte nicht einmal Adidas-Turnschuhe, um in der Clique den Ton anzugeben.

Heutzutage von solchen Urlaubserlebnissen zu erzählen, ist gesellschaftlicher Selbstmord. Den Atem des Wombat spüren auf den Songlines der Aborigines, in Alaska zusammen mit Bären Lachse fangen, Löwen im Krüger-Nationalpark füttern, in Luxus-Ressorts an mythischen Orten das große XXL-Ayurveda-Paket zweimal buchen — ich habe mit dem Kreditberater gesprochen: Es ist machbar und absolut in Ordnung, dass mein Sohn, der faule Kerl, noch die Schulden abbezahlen muss.

Am Abend jedoch, bevor ich die "Luxus-und-natürlich–will-ich-das-Land-und-die-Leute-kennen-lernen-Traumreise" buchen wollte, erzählte mir beim Grillen ein Bekannter, dass mein Vorhaben in dieser Saison schon wieder völlig "out" sei.

Er werde Mitte September mit Freunden auf Inline-Skatern Richtung Alpen rollen und sozusagen nebenbei in Berchtesgaden bei einem Triathlon den ersten Platz belegen. Siegesbekränzt erreiche er die Grenze und schwinge sich auf ein Mountainbike mit sage und schreibe 128 Gängen. Die seien auch nötig, immerhin radle er ganz locker über Stilfser-Joch und Brenner-Pass, um wenig später auf einem Gletscher eine kurze Kostprobe auf Trickskiern zu geben.

Damit keine Langeweile aufkomme, stürze er sich nach einer Canyoning-Tour abwärts und einer Raftig-Tour aufwärts am Bungee-Seil von der Europabrücke — und klettere ohne Seil und Haken an der Steilwand wieder hinauf. Die überhängenden Felsen, kein Problem. Und zum Abschluss noch kurz zum Gardasee, wo man erst ab Windstärke 12 vernünftig surfen könne.

Während der mir zunehmend unsympathische Bekannte dann von seinen Frühjahrsplänen in der Antarktis erzählte, nagte das schlechte Gewissen an meinem stattlichen Bauch … und ich legte für mich noch ein Ripperl auf den Grill.

    « zurück zur Übersicht