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redkrebs redet Tacheles
Ich hab mir den Twitter eingefangen
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Von Bernhard Krebs
(Ich verlor meine Kommunikations-Unschuld im März, als nach einer Podiumsdiskussion über IT-Perspektiven die geladene Journaille vom Hauptredner gefragt wurde, wer denn nun die frisch vorgetragenen Erkenntnisse „getwittert“ hätte. Die Reaktion der Presse: Verständnisloses Kopfschütteln. Aber danach sollte nichts mehr so sein wie es vorher war. Ich hatte mir den Twitter eingefangen.)
Ich werde verfolgt. Und zwar von insgesamt 191 Personen. Es waren einmal mehr, aber offensichtlich bin ich manchen nicht interessant genug. Andererseits gehören zu meinen Verfolgern mehrere halbnackte Frauen, einige Menschen aus Übersee, ein jugendlicher Dinosaurier, ein Trauer-Experte, der Münchner Pumuckl, Erdmännchen, Britney Spears und die Bundeskanzlerin.
Ich glaube, letztere verfolgt weder den Fast-Schauspieler Ashton Kutcher noch die Ex-Schauspielerin Demi Moore, womit ich den beiden etwas voraushabe, obwohl sie mit 3,5 Millionen Verfolgern gerne über alle US-amerikanischen TV-Kanäle hinweg prahlen.
Und dass mich Demi, die Schnepfe, nicht verfolgt, quittiere ich mit meinem souveränen Bruce-Willis-Grinsen der Marke "Wer nicht will, ist selber schuld".
Perspektivenwechsel…
Ich bin ein Verfolger. Ein Online-Spion und virtueller Stalker. Ein Profi, der bereits hinter 238 Menschen her ist. Anfangs verfolgte ich wahllos, jetzt mit einer ausgeklügelten Strategie, die nach dem Hannibalschen Twitter-Prinzip "quid pro quo" neue Verfolger motivieren soll.
Ich verfolge dich, du verfolgst mich– tatsächlich, es funktioniert sogar. Meistens. Nur weiß dabei keiner, warum wir das machen. Zumindest hat es mir noch keiner gesagt.
Alle Perspektiven…
Verfolgter und Verfolger. Die Schizophrenie im Twitter-Kosmos zwingt zu hektischen Übersprungshandlungen, kurz tweets genannt. Auf genau 140 Zeichen (eine oder zwei weniger sind in Zeiten der Krise pure Ressourcen-Verschwendung) folgt verbale Eruption auf Eruption – nicht immer gehaltvoll und garantiert nie als Nachricht das, was man gerne "heiß" bzw. "hot" nennt (ja, ich warte immer noch auf die Meldung vom Flugzeug auf der Isar, die ich als erster weiter verbreiten darf).
Ich muss es wissen, denn auf meiner halbtäglichen Stippvisite bei Twitter finde ich 500 neue tweets von all jenen, die ich verfolge, in meinem Account. Die Rechnung dabei ist simpel: 200 schreiben nix, 30 sehr wenig und acht die restlichen 490 140-Zeichen-Zeiler.
Viele davon resultieren aus einem schnellen Hin und Her von zwei und mehreren Personen, die ich gleichzeitig verfolge. Deren Kommunikation erinnert an bunte Nachmittage in Seniorenresidenzen: Jeder spricht, jeder nickt beifällig, aber keiner hört mehr zu.
Ohne Perspektive…
Mittlerweile bin ich ein stinkfauler Stalker, der nach einem kurzen enthusiastischen Auftakt (wie übrigens auch bei Xing, Facebook, Lokalisten) schnell an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gekommen ist. Wenn ich allen meinen Les- und Schreibverpflichtungen nachkommen wollte, hätte ich täglich 42 Stunden zu tun. Ohne Kaffee-Pause.
Das ist zu viel, behaupte ich – und nehme es als unmissverständliches Zeichen, dass seit geraumer Zeit im krebs-Account alle Twitter-Meldungen ohne mein Zutun im Spam-Ordner landen.
Vielleicht sollte ich darüber einen tweet verfassen.
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