Home arrow Service arrow Aktuelles arrow redkrebs schreibt Geschichte arrow Keine Gnade für Bat-Laus
 

Für Clark Wilhelm Griswold jr.
in tiefer Dankbarkeit.

Der Mensch als solcher ist intolerant. Das ist nicht neu, warum also nur eine Zeile darauf verschwenden? Ich sag es Ihnen: Die durch Intoleranz hervorgerufenen Grausamkeiten machen selbst in der friedlichen Adventszeit keine Pause – und das darf man nicht einfach so hinnehmen, abgesehen davon, dass es um mich geht und die Schändung eines zarten Pflänzchens namens redkrebser Seele.

Es war vorgestern und es begann damit, dass ein Kunde (der pünktlich zahlt) mich zu einer abendlichen Besprechung zitierte. Als Treffpunkt bestimmte er eine U-Bahn-Haltestelle, mit seinem Auto würde er mich von dort abholen. Ich war angesichts dieser Umständlichkeit etwas erstaunt, denn ich hätte auch einfach zum avisierten Restaurant kommen können. Da der Kunde aber pünktlich zahlt, sollte er seinen Willen haben.

Und der Wille des Kunden sah vor, dass sich jener in den vier Wochen vor dem Weihnachtsfest als Stadtführer verdingt. Jeder, der in das Auto des Kunden steigt, wird eingeladen zur "Tour des schlechten Geschmacks". So behauptet jedenfalls der Kunde, der nicht nur pünktlich zahlt, sondern gemeinhin auch als kunstsinnig gilt.

Vorgestern hat es also mich erwischt, die erste Station war ein schmuckes Anwesen mit schmucken Fenstern, die von bunten Weihnachtssternen erleuchtet wurden. Vollstes Verständnis voraussetzend urteilte der Kunde: "Sehen Sie es, ist es nicht furchtbar?"

Drei Straßen weiter war es eine blinkende Lichterkette, die den Zorn des Kunden erregte: "Dieser unsägliche Kitsch, ich ertrage ihn nicht länger!" Mein Schweigen deutete er als Zustimmung, wobei er mir drohte, das Schlimmste stünde uns noch bevor.

Es dauerte kaum fünf Minuten, als wir den "Hort der Abscheulichkeiten, den Dom des Schreckens, den Realität gewordenen schlechten Geschmack" (O-Ton des Kunden) erreichten. Der kleine Vorgarten der Doppelhaushälfte war sauber geputzt, über der Eingangstür glitzerte eine Perlen-Lichterkette. Während sich vom Carport ein demolierter Weihnachtsmann ungelenk abseilte, erstrahlte der überdimensionale Christbaum am Tor in allen Farben. Gezählte vierzehn Lichterketten wanden sich fröhlich blinkend um die Äste, auf der Spitze thronte ein Stern, gegen den selbst der Vollmond verblasste.

Daneben zwängte sich ein pulsierender Schneemann auf einem blinkenden Schlitten an den untersten Ästen Christbaums vorbei und lenkte den Blick auf das große Küchenfenster, in dem eine riesige Krippe stand. Deren Hauptfigur, ein Batman im Nikolausgewand, schnürte dem Kollegen die Kehle zu. Über "Bat-laus", neben dem die Heilige Familie einen sehr beschützten Eindruck machte, schwebten dicke Engelchen, die winzigen Flügelchen mit roten Lämpchen wirkungsvoll zur Geltung gebracht.

Der Mann, der pünktlich zahlt, röchelte auf dem Fahrersitz, die Übelkeit drohte ihn zu übermannen. An Besprechung war nicht mehr zu denken, ebenso wenig an einen Besuch im Restaurant. Mir war es nach dieser Fahrt nur Recht, weshalb ich wenig später an der U-Bahn-Haltestelle hastig das Auto verließ. Mit der U-Bahn fahren musste ich nicht, denn ich wohne nicht weit (was der Kunde nicht wusste).

Etwas später erreichte ich meine Heimstatt. Ich weinte. Und auch mein Freund "Bat-laus" und die Engelchen konnten nicht helfen.
 

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